Neues über Anemonen
von Andre´ Luty
Anemonen - noch vor 20 Jahren bestimmte diese Tiergruppe die Publikationen der Meeresaquaristik. Waren es zuerst die Erfolge der Glasrosenpflege, die enthusiastisch veröffentlicht wurden, so laß man später über Anemonia sulcata, Actinia equina, Cerianthus membranaceus, Bunodactis veruccosa, vereinzelt über Condylactis aurantiaca - ach und dann gab es noch einige wenige Berichte über karibische Anemonen wie z.B. Bunodosoma granuliferum, die heute B. cavernata genannt wird. Selbst zu Partneranemonen für Anemonenfische gibt es kaum Berichte. Anemonen scheinen in der allgemeinen Riffaquaristik aus der Mode gekommen zu sein, dabei sind gerade zu dieser Tiergruppe in den letzten Jahren einige interessante wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht wurden, die ich im folgenden kurz anreisen möchte.

Schwimmende Seeanemonen

"Wie sessil sind Seeanemonen?"-fragt die Anemonenexpertin Karin RIEMANN-ZÜRNECK (1998) vom Forschungsinstitut Senckenberg/Alfred Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven. Sie beschreibt in ihrem Beitrag vor allem drei Formen des Schwimmens:

1. Das "Aufblasen" von Anemonen (z.B. bei der Riffanemone Stichodactyla spec.), wie es aus der Aquaristik z.T. bekannt ist, wird zu den passiven Schwimmweisen gerechnet, da der neue Siedlungsstandort von den Strömungen abhängt.

2. Ein aktives Schwimmen durch das gleichmäßige Schwingen mit den Tentakeln. Die Anemone Boloceroides memurrichi z.B. flieht auf diese Weise vor ihrem Freßfeind der Nacktschnecke Berghia major (siehe Abb.1).

3. Ein aktives Schwimmen in Form eines gleichmäßig abwechselnden Kontraktierens einer Seite des Anemonenstammes, z.B. bei Stomphia didemon, die gleichfalls Räubern (Seesternen) aber auch anderen Nesseltieren entkommen will (siehe Abb. 2).

Weiterhin stellt die Autorin die Frage: Warum sind so wenig Jugendstadien von Anemonen bekannnt? Als Ursache diskutiert sie die freischwimmenden Planktonphasen der kleinen Anemonen anhand vieler Beispiele.

Japanische Seeanemonen in Deutschland!

Im September 1993 wurden an einem Schiffsrumpf in einem Trockendock in Hamburg 26 lebende Seeanemonen der Art Haliplanella luciae (VERRILL 1898) zwischen Austern gefunden. Die Anemonen hatten einen Durchmesser von 1 - 5 mm und im ausgestreckten Zustand eine länge von 10 mm (normal sind 20 - 30 mm). Nach ihrer Weltreise haben diese Anemonen sogar über 24 Stunden lang das Süßwasser (8 Stunden, Salzsturz von 32 ‰ auf 0,5 ‰) der Elbemündung und eine Trockenphase (20 h bei leichtem Regen und 14 - 9°C Lufttemperatur) überstanden. Und trotzdem sehen die Anemonen-Experten S. GOLLASCH und K. RIEMANN-ZÜRNECK keine Chance für die Anemone, sich in der deutschen Bucht dauerhaft zu etaplieren. Zum einen durch die geringen Salzgehalte der Elbemündung, zum anderen, weil es in diesen Gewässern die sehr ähnliche heimische Anemone Diadumene cincta STEPHENSON (1925) gibt, die die gleiche ökologische Niesche besetzt und sehr aggressiv gegen andere Anemonen vorgeht.

Zunehmend im Blickpunkt - Tiefseeanemonen

In den nächsten Jahren werden mehrere neue Arten beschrieben, die zwei Doktoranten entlang der chilenischen Küste gesammelt und fotografiert haben (RIEHMANN-ZÜRNECK per. Mitteilung 1999). Die beiden sind in Regionen getaucht, wo mit herkömmlichen Methoden keine Sammlungen durchgeführt werden konnten. leider werden vor den Erstbeschreibungen keine Bilder veröffentlicht.

Die deutsche Anemonenforschung beschäftigt sich gegenwärtig vor allem mit zwei Gebieten: Anemonen der Polargebiete und Tiefseeformen.

In der Tiefsee müssen die Anemonen besondere Merkmale ausbilden, um überleben zu können. Eines dieser Merkmale ist das bereits beschriebene Schwimmen. Ein zweites Merkmal ist das Fehlen eines haftenden Fußes. Anemonen der Schlickböden liegen entweder auf oder sie sitzen auf kurzen Stielen. Durch die geringe Dichte von aktiv schwimmenden Beuteorganismen müssen die Anemonen der Tiefsee gleichzeitig besondere Nahrungsquellen erschließen. An erster Stelle steht das sinkende, größtenteils abgestorbene Plankton. Eine Gruppe um den Engländer R:G: ALDRED (1979) hat z.B. die Ökologie der Tiefsee-Anemone Actinoscyphia aurelia STEPHENSON (Vorkommen in 1000-2000 m Tiefe) beschrieben. Diese hat zum Fang von absinkenden Detrituspartikeln einen Tentakelkranz entwickelt, der an eine Venusfliegenfalle errinnert. Die Mundscheibe bildet zwei Lappen, an deren Außenrand die Tentakel sitzen. Fällt ein Nahrungspartikel auf die Mundscheibe, werden die Lappen zusammengeschlagen.

Die Wissenschaft wünscht sich, daß Meeresaquarianer mehr Berichte über Anemonen veröffentlichen, vor allem weil den Forschungsinstituten oft nur totes Material zur Verfügung steht. Die typischen Körperformen und die Fortbewegung vieler gesammelter und konservierter Anemonen sind oft noch unbekannt. Auf der anderen Seite gibt es riesige Lücken. Z.B. findet man kaum Anemonenliteratur über kleinere Arten des Roten Meeres. Ich habe mit Dirk JULING nachtaktive "Keulenanemonen" vom Ufersaum des Roten Meeres mitgebracht, die ich noch nicht in der Literatur finden konnte. Diese bräunliche Anemone mit max. 3 cm Durchmesser besitzt rote Tentakelenden, sitzt unter Steinen und muß gefüttert werden.

Also Aquarianer: berichtet bitte!

Literatur:

ALDRED, RIMANN-ZÜRNECK, THIEL, RICE (1979): Ecological observations on the deep-sea anemone Actinoscyphia aurelia. Oceanologica Acta Vol. 2 Nr. 4: 389-395

GOLLASCH & RIEMANN-ZÜRNECK (1996): Transoceanic dispersal of benthic macrofauna: Haliplanella luciae (VERRILL 1898) (Anthozoa, Actiniaria) found on a ship´s hull in a shipyard dock in Hamburg Harbour, Germany. Helgoländer Meeresunters. 50, 253 - 258

RIEMANN-ZÜRNECK (1998): How sessile are Sea Anemones? A Review od Free-living Forms in the Actinaria. Marine Ecology 19(4): 247-261